Machine LearningKunst und KI in Deutschland

Zwei Ateliers: gestern und heute

Zwei Arbeitsräume, ein Jahrhundert voneinander entfernt, stehen hier für unterschiedliche Vorstellungen von technischem und kulturellem Fortschritt.

Der erste Raum ist ein Atelier im bayerischen Sindelsdorf kurz vor 1914. Franz Marc malt dort blaue Pferde und gelbe Kühe. Mit seiner Kunst verbindet er die Vorstellung, das „Geistige“ sichtbar zu machen und sich von einer materialistisch geprägten Epoche abzusetzen.

Der zweite Raum ist ein heutiges Labor an einem deutschen Forschungsinstitut, etwa bei Fraunhofer oder am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme. Statt Leinwänden bestimmen Rechner, Code und neuronale Netze die Arbeit. Mit ihnen verbindet sich die Erwartung, Prozesse zu verbessern, medizinische Forschung zu unterstützen und menschliche Fähigkeiten zu ergänzen. Die Mittel sind andere, der Anspruch auf Veränderung ist vergleichbar.

Der Vergleich bietet einen Ausgangspunkt, um Deutschlands eher vorsichtigen Umgang mit künstlicher Intelligenz zu betrachten.

Deutschland verbindet eine leistungsfähige Grundlagenforschung mit einer breiten industriellen Basis. Das hier geprägte Konzept „Industrie 4.0“ beschreibt die vernetzte Fabrik; Einrichtungen wie die Fraunhofer-Gesellschaft und die Max-Planck-Institute arbeiten an den wissenschaftlichen und praktischen Grundlagen. Auch die KI-Strategie des Bundes sieht Investitionen in Forschung, Infrastruktur und Transfer vor.

Dem steht eine politische und gesellschaftliche Kultur gegenüber, die Datenschutz, menschliche Aufsicht und mögliche Kontrollverluste vergleichsweise stark gewichtet. Diese Vorsicht ist nicht grundsätzlich ein Nachteil. Sie kann Risiken früh sichtbar machen, verlangsamt aber unter Umständen die Erprobung und Einführung neuer Anwendungen. Der deutsche Ansatz unterscheidet sich damit von der stärker experimentell geprägten Praxis vieler US-amerikanischer Technologieunternehmen.

Das Echo der Geschichte: Eine neue Sachlichkeit?

Die deutsche Vorsicht lässt sich auch historisch lesen. Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben das Verhältnis zu politischen und technischen Heilsversprechen nachhaltig geprägt. Ein unkritischer Fortschrittsglaube ist deshalb weniger anschlussfähig als zu Beginn des Jahrhunderts. Die heutige Skepsis gegenüber schwer kontrollierbaren Technologien steht zumindest teilweise in dieser Tradition.

Diese Haltung kann zu einer Art technologischer „Neuer Sachlichkeit“ führen: pragmatisch, funktional und risikoabwägend. Der Schwerpunkt liegt dann auf der schrittweisen Verbesserung bestehender Prozesse, etwa in der Industrie. Grundlagenmodelle und neue Plattformen werden dagegen häufiger in den USA oder China entwickelt. Für Deutschland stellt sich daher die Frage, ob die Rolle als Anwender und Regulierer auf Dauer ausreicht.

Offene Fragen

Die deutsche Zurückhaltung kann als verantwortungsvolle Risikobewertung verstanden werden. Sie kann aber auch dazu führen, dass Forschungsergebnisse langsamer in Produkte und tragfähige Geschäftsmodelle überführt werden. Beides lässt sich nicht allein durch mehr oder weniger Regulierung auflösen.

Die beiden Ateliers verweisen auf unterschiedliche Formen des Aufbruchs: hier die künstlerische Utopie, dort die nüchterne Arbeit an datenbasierten Systemen. Für die weitere Entwicklung wird es darauf ankommen, technische Möglichkeiten zu erproben und ihre gesellschaftlichen Folgen zugleich ernst zu nehmen.

Welche Balance dabei gefunden wird, hat wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen.

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